Exhibition project at the “Völkerkundemuseum der Universität Zürich” (“Ethnographic Museum of the University of Zürich”), Switzerland, 7th June 2008 – 6th Sept. 2009 

Press release (german)

NAGA: Schmuck und Asche
7. Juni 2008 bis 1. März 2009 (verlängert bis 6.9.)

Das Wort Naga ist der Sammelbegriff für eine unbestimmte Anzahl kulturell und linguistisch verwandter und zugleich höchst vielfältiger und in kleinste lokale Gruppen aufgespaltener Bergstämme im Grenzgebiet zwischen den östlichen Landstrichen Assams und Manipurs in Hinterindien und dem Nordwesten Burmas. Nach einer der möglichen Etymologien bedeutet Naga die ›Nackten‹ und weist wohl auf die herkömmlicherweise geringe Bekleidung und auf eine angenommene ›Wildheit‹, ›Primitivität‹ und ›Naturnähe‹ der so Bezeichneten hin. Der Name ist in unterschiedlichen Varianten seit der Geographia des Ptolemaeus (um 150 n. Chr.) überliefert; ob das auf dessen bis zum Ende des Mittelalters geläufigen Karten erwähnte Land der Nangalogen bereits das Land der Vorfahren heutiger Naga bezeichnen mochte, ist selbstverständlich ungewiss – die Platzierung des Namens auf dem Kartenwerk schliesst diese Möglichkeit nicht aus.

Mit dem Datum des 24. Februar 1824 treten die Naga erstmals in den Umkreis der geschriebenen Weltgeschichte ein – in der Folge eines zwischen Vertretern des Britisch-Indischen Empires und solchen des Königreiches Burma geschlossenen Vertrages, der die vorausgegangenen militärischen Auseinandersetzungen zwischen den beiden expansionslüsternen Grossmächten einstweilen beendete. Die damals noch mit Primärurwald bewachsenen Nagaberge an den südöstlichen Ausläufern des Himalaya lagen mitten in der Pufferzone des umstrittenen Grenzgebietes. Indem die britischen Kolonialherren Indiens ihre territorialen Ansprüche in Assam bis an die Nagaberge konsolidierten, wurden sie zu unmittelbaren Nachbarn der an die Ebenen anschliessenden bergigen Wohngebiete der Naga. Diese als notorische Kopfjäger gefürchteten Bergstämme bestätigten mit häufigen Überfällen auf die neu angelegten und lukrativen Teeplantagen der Briten im assamesischen Tiefland ihren Ruf als mutige Krieger. Ihren Attacken allerdings begegneten die britischen Militärs stehenden Fusses mit sogenannten Strafexpeditionen ins Bergland. Im Zuge dieser Vergeltungsschläge dehnte die fremde Kolonialmacht ihre administrative Verwaltung und ihren kulturellen Einfluss in die Kerngebiete der Naga weiter aus.

Im Windschatten der schrittweisen Einnahme der Nagagebiete durch die britische Kolonialverwaltung – und keineswegs mit deren ausdrücklicher Billigung – kamen christliche Missionare ins Land, die im 19. Jahrhundert noch zögerlich, im 20. Jahrhundert dann massiv und systematisch die indigene Bevölkerung zu bekehren begannen. Unter den verschiedenen Richtungen der Mission waren die evangelischen Baptisten die erfolgreichsten. Sie traten ihre Feldzüge der Heidenbekehrung gegen die herkömmlichen Religionsformen animistischer Prägung mit der Überzeugung an, dass diese ohnehin nicht als Religionen im eigentlichen Sinne aufzufassen seien. Heute bezeichnen sich weit über 90% aller Naga als Christen; auf derlei Erfolgsziffern hat sich sogar die Überzeugung gründen können, dass die Errichtung eines christlichen Gottesstaates in ganz Südostasien, ja der ganzen Welt von Nagaland aus möglich sei.

Der Siegeszug der christlichen Mission hat paradoxerweise von einer dritten Welle von Ausseneinflüssen profitieren können, nämlich der seit der Unabhängigkeit Indiens vor 60 Jahren verhängten radikalen Abschottung Nagalands gegen die Aussenwelt. Diese wurde verfügt, als mit der angeordneten Eingliederung der Nagagebiete in den indischen Staat – die östlichen waren ohnehin bereits dem burmesischen Königreich einverleibt – Widerstände sich regten, die zu einem fast 60-jährigen Dauerkonflikt zwischen der indischen Armee und diversen Gruppen von Unabhängigkeitskämpfern der Naga führten. Nationalistische Tendenzen unter den Naga waren bereits seit dem 1. Weltkrieg erwacht, mit der Vision, einen eigenen, von Indien und Burma unabhängigen Staat zu gründen und einen solchen notfalls mit Gewalt zu erstreiten. Die drei grossen Erschütterungen in der politischen und kulturellen Geschichte der Naga, ausgelöst durch die britische Kolonialherrschaft, durch die christliche Mission und durch die Zwangseingliederung in den indischen Staat, haben im Zeitraum der vergangenen 150 Jahre im gesamten Sozialgefüge der indigenen Bevölkerung wie auch auf der Ebene der verschiedenen lokalen Traditionen zu gewaltigen Umwälzungen geführt. Diese haben im kollektiven Selbstverständnis ein Vakuum hinterlassen, das nach neuen Identitäten verlangt.

Die Zürcher Ausstellung: Naga – Schmuck und Asche widmet sich dieser Problematik, indem sie die Eckpunkte der diachronen Entwicklung ins Auge fasst: mit Objekten, die ein Einst (›Schmuck‹) der vorkolonialen Epoche evozieren; und mit Dokumentationen, die auf ein Jetzt (›Asche‹) verweisen, in dem sich die alten kulturellen Identitäten aufgelöst haben. Die Möglichkeit, eine solche Zeitachse in die Ausstellung einzubringen, verdankt sich der Tatsache, dass gerade in der britischen Kolonialzeit umfangreiche Sammlungen zur materiellen Kultur der Naga für verschiedene ethnographische Museen in Europa zusammengestellt wurden; und dass in ebendieser Epoche einzelne Kolonialverwalter selbst ausgebildete Ethnologen waren, die detailierte Monographien hinterliessen. Auf diese Zeugnisse konnten die Ausstellungsmacher zurückgreifen und sie mit den Daten ihrer eigenen, neuesten Feldforschungen ergänzen. Aus dieser Verbindung älterer Dokumente und umfangreicher materieller Zeugnisse einer untergegangenen Epoche mit gegenwärtigen Resultaten der Forschung ergab sich eine Anordnung, die für künftige Formen der Museumsethnographie modellhaft sein könnte.

Die für die Zürcher Schau versammelten Artefakte und Zeugnisse der großartigen, ästhetisch in hohem Maße ansprechenden materiellen Kultur der Naga stammen zu einem kleineren Teil aus der eigenen Sammlung und zu einem grösseren aus derjenigen des Wiener Völkerkundemuseums, die beide in den 1930er Jahren angelegt wurde – die hiesige von dem deutschen Ethnologen H.-E. Kauffmann und die Wiener von dem renommierten Himalayaforscher Christoph von Fürer-Haimendorf – beide nun seit jener Zeit zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorgestellt.

Mit einer geringen Zeitverschiebung wird im August eine zweite Naga-Ausstellung in Basel eröffnet werden mit Objekten aus den Basler und den Berliner Sammlungsbeständen. Sie soll die Zürcher Schau dialektisch ergänzen. Statt Konkurrenz, ist mit dem Museum der Kulturen in Basel eine Ausdehnung der Perspektiven abgesprochen, die sich nicht nur in unterschiedlichen Schaustücken unterschiedlicher Sammlungen, sondern auch in unterschiedlichen Rahmenveranstaltungen und Publikationen spiegelt.

Während die Basler Begleitpublikation die Form eines Ausstellungskataloges haben wird, erscheint in Zürich zum Zeitpunkt der Ausstellungseröffnung ein umfangreiches, vom Anlass unabhängiges Handbuch zu den Naga, verfasst von zahlreichen Experten der Naga selbst und von westlichen Anthropologen internationaler Zusammensetzung. Dieses Werk widmet sich der traditionellen Kultur der Naga ebenso wie den kulturellen Transformationen der vergangenen 150 Jahre; es läuft aus verschiedenen Blickrichtungen auf die ungelöste Frage hinaus, wie für die heutigen Naga in all ihrer historischen und gegenwärtigen Diversität eine gemeinsame Zukunft vorstellbar ist.

Die Ausstellungmacher:

Michael Oppitz
Thomas Kaiser
Alban von Stockhausen
Rebekka Sutter
Marion Wettstein








Die neue Publikation zu den Naga:

Naga Identitäten
Zeitenwende einer Lokalkultur im Nordosten Indiens
Herausgegeben von
Michael Oppitz, Thomas Kaiser, Alban von Stockhausen, Marion Wettstein
Benteli Verlag und Snoeck Publishers, Zürich/Gent 2008
464 Seiten, ca. 450 Abbildungen
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Englische Ausgabe:

Naga Identities
Changing Local Cultures in the Northeast of India
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